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Experteninterview04.05.2010

„Ältere Menschen sind ganz einfach ein Marktfaktor“

In Vorträgen sprechen Sie immer wieder vom „Wohnen im generationengerechten Umfeld“. Um was geht es dabei?

Es geht um die Frage, wie eine Immobilie mehreren Generationen gerecht wird. Natürlich hat ein 30-jähriger Junggeselle eine andere Vorstellung vom Leben als ein Familienvater mit vier Kindern oder eine alleinstehende ältere Frau. Deshalb muss es möglich sein, eine Immobilie so zu gestalten, dass sie anpassbar ist. Es gibt ja auch so was wie ein Heimatgefühl, nicht jeder möchte von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt umziehen. Das ist der Gedanke des generationengerechten Wohnens.

Wie haben sich die Bedürfnisse älterer Menschen verändert und warum sollten Vermieter in generationengerechten Wohnraum investieren?

Wenn wir über Wohnen im Alter reden, muss man sich aber erstmal von der Vorstellung verabschieden, dass diese Generation nur aus Hilfsbedürftigen besteht – das zeigt sich auch auf Skipisten oder bei Stadtmarathons. Der überwiegende Teil der Älteren ist zwar organisations-, aber nicht hilfsbedürftig. Die älteren Menschen sind gesünder als die früheren Generationen. Pflege ist daher oftmals erst in sehr viel höherem Alter ein Thema als das weithin vermutet wird. Deshalb brauchen wir vernetzte und organisierte Wohnmodelle, die es den Menschen ermöglichen, möglichst lange zu Hause zu bleiben. Früher wurden Wohnimmobilien ohne den Blick auf die ältere Generation gebaut, weil diese entweder gestorben ist oder sich der Immobilie anpassen musste. Heute wollen wir die Immobilien den Menschen anpassen. Ökonomisch gesehen, lohnt sich das. Denn somit wird die Immobilie auch länger genutzt. Das heißt, wenn ich als Vermieter investiere, investiere ich in einen Lebensabschnitt meiner Mieter, der früher kurz war und heute lang ist. Ältere Menschen sind ganz einfach ein Marktfaktor.

Wie sehen vernetzte und organisierte Wohnmodelle aus?

Wohnräume haben unterschiedliche Gestaltungscharaktere: Wichtig ist, dass sich man sich im Wohnraum bewegen kann, deshalb sollte dieser möglichst barrierearm sein. Außerdem müssen die Wohnungen handhabungssicher sein. Das heißt, die Vermieter müssen Sicherheitsvorkehrungen schaffen, die dafür sorgen, dass beispielsweise bei vergesslichen Menschen, die Wohnung nicht gleich abbrennt, wenn sie Spazieren gehen. Hier helfen unter anderem Systeme, die beim Abschließen der Wohnung den Strom abschalten. Darüber hinaus kann man den Menschen bessere arbeitsorganisatorische Voraussetzungen schaffen, so zum Beispiel mit höhenverstellbaren Arbeitsflächen. Gleichzeitig kommt heute ein Faktor hinzu, den wir früher nicht bedacht haben: Die soziale Integration. Wir wollen die Menschen nicht isolieren, sondern sie in das normale Leben integrieren. Deshalb wollen wir ihnen helfen, sich trotz möglicher Einschränkungen durch soziale und medizinische Angebote – wie mobile Pflegedienste oder Rehabilitationsmaßnahmen – in der Nähe ihrer Wohnung selbst zu organisieren.

Das heißt, Kooperationen schaffen?

Ja. Im Grunde genommen wird die frühere Funktion der Familie vor die Haustür verlagert. Denn häufig leben Familien nicht mehr an einem Ort, wodurch die älteren Leute nicht mehr in den Familieverbund eingebettet sind. Deshalb muss das über die Nachbarschaft und Dienstleister geregelt werden.

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