Abschnittsende: Rücksprung zur seiteninternen Navigation
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Experteninterview06.07.2009

Der Leiter der der Senior Research Group ist Sebastian Glende, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Arbeitswissenschaft und Produktergonomie der TU Berlin. Im Interview spricht er darüber, wie seine Arbeitsgruppe Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen unterstützt und worauf es ankommt:
Sie arbeiten mit der Senior Research Group, einer Arbeitsgruppe aus rund 20 Seniorinnen und Senioren, die 2001 aus einer Versuchsreihe entstand. Was macht diese Arbeitsgruppe?
Sebastian Glende: Das Hauptziel ist es, Produkt- und Dienstleistungsentwickler wie zum Beispiel Hersteller von Mobilfunktelefonen dabei zu unterstützen, generationengerechte Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln oder diese mit zu gestalten. Ein anderer nachgefragter Bereich ist die Forschung. Dort geht es darum, hochinnovative Produkte zu entwickeln, wie beispielsweise ein Ring, den man am Körper trägt und der gesundheitliche Daten sammelt und überträgt. In Lehrprojekten arbeiten die Seniorinnen und Senioren außerdem mit Berliner Studierenden unter anderem der Technischen Universität und der Universität der Künste zusammen. Wir nutzen das Feedback der Nutzerinnen und Nutzer letztlich überall dort, wo es zur Produkt- oder Dienstleistungsverbesserung beitragen kann.
Wie kann man sich den Ablauf einer Produkt- oder Dienstleistungsentwicklung vorstellen?
Der Prozess gliedert sich in Ideenfindung, Konzepterstellung, Prototypentests, Mitgestaltung von Bedienungsanleitungen und Verpackungen sowie die Markteinführung. Dabei geht es auch um die Information, die an die Kundinnen und Kunden weitergeben werden sollen. Denn wenn diese nicht verstehen, was hinter einem Produkt oder einer Dienstleistung steckt, entsteht auch kein Kaufinteresse. Wir machen keine Werbung, aber wir können sagen, welche Ansprache besser funktioniert.
Welche Zielsetzung hat die Senior Research Group?
Es geht darum, ein Produkt wirklich nutzerfreundlich zu gestalten, sonst kommt es im Markt niemals an. Wir wollen Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die man leicht verkaufen kann, weil sie einfach gut sind. Leider kommen Hersteller oftmals erst mit fertigen Produkten kurz vor Markteintritt, um sich von uns beraten zu lassen.
Das heißt, viele Unternehmen kommen erst dann, wenn mit Änderungen eigentlich nicht mehr möglich oder aber mit hohen Kosten verbunden sind?
Genau. Da kann dann vielleicht noch was an der Bedienungsanleitung oder der Farbe geändert werden, aber nichts Grundsätzliches mehr. Deshalb ist es unser Ziel, den gesamten Produktentwicklungsprozess zu begleiten. Am besten von der Ideenfindung an. Und natürlich bevor Kosten entstanden sind. Wer frühzeitig und nah am Nutzer arbeitet, kann somit Kosten sparen. Schließlich sind die Kosten, die am Anfang entstehen, viel geringer, als die die am Ende einer Produktentwicklung investiert werden müssen, um einen Fehler zu beheben. Dazu kommen die Servicekosten, wenn dauernd die Telefone im Callcenter klingeln, weil Kunden beispielsweise mit der Installation einer Computermaus nicht zu recht kommen. Diese Kosten können innerhalb kurzer zeit viel höher liegen, als die Kosten für eine frühzeitige Nutzerbeteiligung wären.
Was sind die häufigsten Probleme bei der Produktgestaltung?
Wenn man von Statistiken ausgeht, gibt es relativ wenig, was sich auf den Markt für Ältere hält. Je nach Quelle sind zwischen 60 und 90 Prozent aller Innovationen nicht erfolgreich und verschwinden nach wenigen Jahren wieder. Gerade bei ganz neuen Techniken oder Produkten, wo viel Technik drin ist, sind Ältere viel vorsichtiger und trauen sich nicht so schnell ran wie Jüngere. Deshalb ist es wichtig, diese mit älteren Nutzerinnen und Nutzern zusammen zu gestalten.
Welche Produkte aus dem Alltag konnten in den vergangenen Jahren entwickelt oder optimiert werden?
Im Software-Bereich und bei den Internetseiten hat sich einiges getan. Viele Seiten sind heute barrierefrei und es gibt Zusatzprogramme, mit denen man sich den Text vorlesen lassen kann. Es gibt mittlerweile auch einige Produkte, die zwischen Sicherheit für Ältere und Luxus für Jüngere angesiedelt sind. Dazu zählen zum Beispiel elektronische Fernbedienungen, mit denen sowohl Fenster als auch Elektrogeräte, wie der Küchenherd gesteuert werden können. Ich habe aber noch nicht das Gefühl, dass sich das allgemein auf dem Markt durchgesetzt hat.
Was macht die Senior Research Group im Moment?
Wir arbeiten gerade mit zwei Firmen an einem Mobiltelefon und einer Universalfernbedienung. Das Telefon ist gleichzeitig ein Computer und beinhaltet verschiedene Funktionen, die speziell für Ältere entwickelt wurden. Beispielsweise verfügt das Gerät über einen Medikamentenwecker, ein Navigationsgerät und eine Taschenlampe. Eine andere Idee ist, die Kamera und das Display als Lupe zu nutzen. Das entwickeln wir aber noch. Wichtig ist, dass es nicht aussieht wie ein „Seniorenhandy“.
Wann ist ein Produkt generationengerecht? Worauf kommt es an?
Es muss natürlich leicht bedienbar sein, etwa durch größere Tasten und ein intuitives Bedienkonzept. Das ist jedoch nur die eine Seite. Denn ein Produkt muss die richtigen Funktionen bieten, um ältere Kundinnen und Kunden anzusprechen. Und diese wollen oftmals andere Funktionen als die Jüngeren. Beispielsweise gibt es bei Mobiltelefonen meist das Problem, dass sehr viele Funktionen drin stecken, die ältere Menschen überhaupt nicht wollen und dadurch eher überfordert sind. Und nicht zuletzt muss ein Produkt gut und hochwertig aussehen und ein gewisses Image vermitteln – dabei unterscheiden sich die Ansprüche zwischen jüngeren und älteren Nutzerinnen und Nutzern kaum.
Externer Link:
Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter: www.srg-berlin.de